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DIE
KINETISCHE KUNST : VOM GEMALTEN ZUM ARCHITEKTONISCHEN WERK
Victor
Vasarely wird oft als Vater der Op Art bezeichnet.
Der
Begriff der kinetischen Kunst taucht erstmals im Jahr 1964 auf
und zielt darauf ab, einfache Elemente der Geometrie und verschiedene
Aspekte der Gestalt zu verwenden; die kinetische Kunst löst
dynamisch optische Phänomene aus, die die aktive Beteiligung
des Betrachters erfordern.
Die
Op Art findet ihren Ursprung sowohl in den Untersuchungen, die
Albers und Vasarely zeitgleich um 1955 machten, wie auch die
folgende Generation (Agam, Soto, Cruz
Diez, Morellet,
Yvaral, Le
Parc, Sobrino etc.).
Sie
kündigt sich schon in den Arbeiten einiger Bauhaus-Meister
wie Moholy-Nagy, Klee, Kandinsky und
Itten sowie in den Werken von Malevitch,
Sophie Taeuber-Arp und Mondrian an.
Das
Bauhaus ist ein experimentell-didaktisches
und künstlerisches Zentrum, das 1919 in Weimar gegründet
wurde und bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
im Jahr 1933 bestand.
Die
Umgestaltung der Kunst und der Architektur angesichts der neuen
Mittel des Industriezeitalters begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
Nach den ersten Versuchen des 1907 von Muthesius gegründeten Deutschen
Werkbundes, der die Absicht hatte, Künstler und Handwerker auf der Suche
nach geeigneten Formen für die Serienfertigung zu vereinen, kreiert Walter
Gropius einen neuen Geist der Lehre und des Unterrichts.
Das
Bauhaus, das Haus in dem man baut, vermittelt sowohl
Techniken als auch Kunstgeschichte und bemüht sich, die
Grenzen, die die verschiedenen Aspekte der Kultur trennen, zu
beseitigen.
Sein
Manifest erscheint heute aktueller denn je :
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"Es
handelt sich nicht um Professoren und Schüler,
sondern um Meister und Lehrlinge, nicht um Künstler,
die auf freie oder angewandte Kunst spezialisiert sind,
sondern um Schaffende, die sich gegenseitig im Dienst
eines Gemeinschaftswerkes ergänzen" |
Die
Experimente gelangen geradewegs ins Herz der Zivilisation, die
sich neu entwickelt, und die bedeutendsten Bauhaus-Professoren
wie Mies
van der Rohe, Hilbersheimer und
Bayer wurden die Erschaffer einer Architektur aus Glas und Stahl.
Albers
entwickelt neue Erkenntnisse über Baustoffe und thematische Übungen;
er ist es, der die amerikanische Op Art inspiriert.
Das
Bauhaus ist nicht nur ein rein künstlerisches Forschungsinstitut,
sondern auch ein Ort der Lehre, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse
und die Integration der Kunst im industriellen Leben umfangreich
studiert werden.
Es
unterdrückt das Ornamentale, das Dekorative und das Überflüssige
zugunsten einer rationalen Konkretisierung. Seine Kunsttheorien
betreffen Gegenstände in allen Lebensbereichen. Sie machen
aus dieser Schule die Wegbereiterin der industriellen Ästhetik
und des Design.
Diese
wahrhaft demokratische Schule will eine neue Gesellschaft voraussehen,
in der alle menschlichen Beziehungen und Tätigkeiten nur
durch die Vernunft und nicht durch die Hierarchie, die Autorität
oder den Zufall geregelt sind. Der Vorwurf der entarteten Kunst,
den das Regime Hitlers gegen die künstlerische Avantgarde
der 20er Jahre erhebt, und aller erduldeten Verfolgungen haben
sie nicht zerstören können; ihr Einfluss breitet sich
in der ganzen Welt aus, vor allem in den Bereichen der Architektur
und der angewandten Künste.
Trotz
großer Ähnlichkeiten unterscheidet sich der Rationalismus
der Op Art in vielen Punkten von dem, der die abstrakt-geometrischen
Strömungen zwischen den beiden Weltkriegen charakterisiert.
Er möchte die Schranken zwischen Kunst und Technologie einbrechen
und versucht auch Verbindungen zwischen verschiedenen Bereichen
der Wissenschaft wie der Optik und der Kybernetik herzustellen.
Er enthält die neuen Funktionen der Plastizität, zum
Beispiel die industrielle Ästhetik.
Obwohl
sie keinen besonderen kulturellen Ehrgeiz hat, versucht diese
Bewegung die technischen Mittel der Zukunft auszubauen. Die Op
Art führt darüber hinaus in der geometrischen Abstraktion
neue Elemente ein, wie zum Beispiel das Flimmern, die Information
und die Beteiligung, die sie der Allgemeinheit zugänglicher
machen.
Vasarely
ist sich besonders eines Phänomens bewusst, das schon mehrere
Jahre alt ist und das er die Krise der Staffeleimalerei nennt.
Seine Überlegung
scheint von der Idee auszugehen, dass das Staffeleibild so
neu und I kühn in der Anlage es auch ist nur verbannt
bleiben kann in das enge Umfeld der Galerien und Sammler was
seiner Verbreitung schadet und die meisten Menschen unserer Zeit
darum bringt, in einem zugleich neuen und schönen Rahmen
zu leben :
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"Das
Werk, zum Objekt geworden, so vom plastischen Umfeld
abgelöst, ausgestellt, bemächtigt und seiner
selbst wegen gehegt. Wird zu einem außerordentlichen
Gegenstand und erstarrt in dieser einzigartigen Funktion,
einer poetischen Funktion, da es nur noch einer raffinierten
Elite dienend". |
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Ausstellungskatalog
Vasarely, Musée des Arts Décoratifs, Paris
1963. |
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Vasarely
hat seine Bemühungen auf die Herstellung von Prototypen ausgedehnt
- als Ausgangspunkt -, die er dann vergrößert und/oder
vervielfältigt hat :
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"Das
Original, das für das Werk wie das Korn für
das Brot ist, ist in Wirklichkeit nur ein gehaltvoller
Gegenstand. Als veralteter Ausdruck ist es nun am Anfang
einer Wiederherstellung im Hinblick auf eine neue Funktion." |
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Katalog Galerie
Denise René, Paris 1955. |
Selbstverständlich
behauptet Vasarely nicht, der erste oder der Einzige zu sein,
der diese Ideen zum Ausdruck bringt. Sie gehen vielmehr aus den
vielfältigen Techniken von Matisse, Léger und
Picasso hervor, die Skulpturen, Keramik und Teppiche schufen.
Die
Ready-mades, die Erfindungen der Surrealisten und die Bildhauer-Maler zwischen
den beiden Weltkriegen haben eine Bresche geschlagen.
Als
Nachfolger treibt Vasarely seine Betrachtungen noch weiter voran,
indem er seine Ideen geschickt voller Überzeugung und Begeisterung
vorstellt :
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"Empfinden
und machen war die frühere Vorgehensweise der
Kunst, die zukünftige wird sein: entwerfen und
machen lassen". |
Seine Ästhetik
verstärkt sich durch eine Ethik Gesichtspunkte : die Schönheit,
die bisher von manchen in Form von Kunstwerken gekauft wurde,
wird künftig für alle zugänglich sein dank der Multiples und
der Cité polychrome, die Allgemeingut werden.
Wie
viele seiner Zeitgenossen hat auch Vasarely zunächst figurative
und tachistische, danach „gestuelle“ Perioden durchlaufen,
von ihm als fausses routes (falsche Wege) bezeichnet.
Diese
erste Epoche erlaubt ein ganzes Geflecht an Einflüssen und
interessanten Interaktionen zu erahnen : die engen Kontakte,
die der Maler zu den großen Meistern Cézanne,
Seurat, Léger und Matisse unterhält, ein Hinweis
auf seinen Aufenthalt 1929 im Mühely (Bauhaus von
Budapest), wo er auch von Klee und
Kandinsky inspiriert wurde.
Vasarely
verbringt Jahre damit, zunächst allein, dann umgeben von
einer Gruppe, seine Untersuchungen und Materialstudien fortzuführen.
Er hat alles gewagt und ausprobiert, um seine einzigartige Kunst auszubauen
und zu festigen : Teppiche, Aluminium, Malerei auf Holz, Leinwand, Plastik,
Stahl, Skulptur, Glas, Mosaikarbeiten, Porzellan ein wahres Geflecht
aus reinen Formen und flimmernden Farben.
Wie
ein roter Faden durch die Gesamtheit seiner limitierten, signierten
und nummerierten Werke, die die Multiples bilden, zieht sich
Vasarelys Grundidee : die überwindung des Einzelwerks.
Es
gibt keinen Unterschied zwischen dem Original und der Reproduktion,
wenn der plastische Wert gleich ist :
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" Falls
die Künstler nur den bereits zufriedenen Menschen
als poetische Nahrung dienen, wer wird die edle Anstrengung
unternehmen, Kunstformen für die stets Benachteiligten
zu schaffen? " |
Während
das gemalte Werk seinen Höhepunkt in der Realisierung Didaktischen
Museums in Gordes (1970 1996) hatte, widmet Vasarely
mit dem Bau seines Centre architectonique dAix-en-Provence im
Jahr 1976 seine plastischen Untersuchungen der Integration der
Künste in das Stadtbild.
Die
Architektur selbst hat Signalcharakter : sieben Sechsecke gehen
ineinander über, in deren Mitte. 42 Wände die als Stützen
eines monumentalen Werks.
In
der Fortsetzung der Bauhaus-Ideen berücksichtigt Vasarely,
dass Kunst und Architektur eine Einheit bilden.
Er
hat sich mit den oft enttäuschenden künstlerischen
Eingriffen in die Welt der Architektur beschäftigt.
Er
hat daraus eine Lehre und ein Verfahren entwickelt, die zu einer
homogenen Bereicherung der Umgebung im beabsichtigten Sinne des
für das Werk verantwortlichen Künstlers, in dem Fall
des Architekten, führen.
Vasarely
möchte Plastiker und nicht mehr Maler sein; sein Traum ist
es, die plastische Schönheit in die Architektur zu integrieren.
Mit
seiner Stiftung versucht er zu beweisen, dass es möglich
ist, einen menschlicheren, farbenfroheren und lebenswerteren
Siedlungsraum zu realisieren, indem er die Entfernung der Natur
durch plastische Äquivalente ausgleicht.
Für
ihn gibt es Hindernisse, die man nicht umgehen kann:
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"Die
Sturheit gewisser Leute, nur diejenigen Werke zu
würdigen, die mit der Hand ausgeführt
worden sind, ist gegen jegliche Vernunft.
Sicher sind die Schriften von Descartes, die Partituren von Bach zuallererst
Handschriften; aber diese Werke konnten nur in das Bewusstsein Tausender
Menschen gelangen dank ihrer Verbreitung gedruckt als Bücher, oder
durch Schallplatten.
Eisenstein und Fellini sind die Schöpfer, aber nicht die Ausführenden
ihrer Filme.
Wenn auch Le
Corbusier und Niemeyer niemals selbst einen einzigen
Stein in die Hand genommen haben, tragen die von ihnen entworfenen Bauwerke
dennoch ihren Namen.
Die Meister der Renaissance haben Fresken signiert, die zum Großteil
von ihren Schülern ausgeführt worden sind." |
Als
unbestrittene Hauptfigur der kinetischen Kunst hat er zahlreiche
Künstlergenerationen beeinflusst, angefangen von der G.R.A.V.
(Groupe de Recherches dArt Visuel), bis hin zu den Videokünstlern
und anderen Computerkünstlern.
Das
Werk Vasarelys ist modernistisch, denn es deutet die Grundlagen
der zeitgenössischen plastischen Forschung an. |